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Kirchenkreis Hann. Münden

 

"Stell Dir vor, es ist kein Friedensgebet, aber alle gehen hin…"

 

 

Samstags, 12 Uhr
St. Blasius-Kirche,
Hann. Münden

Stell Dir vor, es ist kein Friedensgebet, aber alle gehen hin…
 
Sie stehen, in kleine Gruppen aufgeteilt und mit gebührendem Abstand zueinander, unter der Sonnenuhr der St. Blasius Kirche in Hann. Münden und beten. 13 Menschen sind es an diesem Samstag, die mit dem Glockenschlag mittags um 12 Uhr zusammengekommen sind. Obwohl sie niemand dazu eingeladen hat. In Zeiten von Corona ist das mit dem Versammeln so eine Sache – deshalb fällt momentan das ökumenische Friedensgebet, zu dem seit 2015 immer samstags in die Blasiuskirche eingeladen wird, aus. Eigentlich. Aber die Menschen kommen trotzdem. Und sie werden nicht allein gelassen.

 

Das Bedürfnis, gemeinsam zu beten ist da.  Auch, wenn das jetzt wochenlang nicht in der Kirche sein durfte.  Oft seien es Alleinstehende, die kommen, sagt Dr. Johanna Goldbach. Sie ist fast von Anfang an dabei. An diesem Samstag ist sie diejenige, die Blätter mit dem gemeinsamen Gebet verteilt. „Jesus sagt: Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen“ heißt es da, und die Worte manifestieren sich in dem Anblick, den die Betenden an der Kirche bieten.

 

„Ich bin so dankbar, dass ich mein ganzes Leben lang keinen Krieg in meinem Land erleben musste“, sagt Ulrike Naumann vom Friedensgebet-Team im Rückblick auf den Abend zuvor. „Lasst uns alles dafür tun, dass auch die nächsten 75 Jahre und alle folgenden ohne Krieg bleiben.“ Vor 75 Jahren endete am 8. Mai der II. Weltkrieg. Die Glocken von St. Blasius und St. Elisabeth hatten am Freitag um 22 Uhr dazu aufgerufen, ein sichtbares Licht anzuzünden und zuhause zu beten. Ein kleiner Kreis aus dem Team war aber doch zur Stele am Rathaus gekommen, hatte dort still mit brennenden Kerzen im Kreis gestanden, gebetet und gesungen und der Opfer des Krieges gedacht. Dona nobis Pacem und Shalom Chaverim erklangen.

 

Der 8. Mai, der stehe für das Ende des Krieges, sagt Matthias Winkelmann. Der Diakon der katholischen St. Elisabeth Gemeinde Hann. Münden gehört ebenfalls zum Friedensgebet-Team. Ihn bedrücke noch heute, wie gegen Ende des Krieges noch 15- bis 17-jährige Kinder in den so genannten „Endkampf“ geschickt wurden.  „Es ist unbegreiflich, wie diese Menschen in den Tod gejagt wurden.“

 

Johanna Goldbach war bei Kriegsende knapp zwei Jahre alt und, wie sie sagt, mit ihrer Mutter vermutlich im Raum Dresden unterwegs. Der 8. Mai markiert für sie das Ende des Nazi-Regimes, die Befreiung, die einen friedlichen Wiederanfang ermöglichte. Dieser Friede „geht nur mit Europa, das ist unser Anliegen beim Friedensgebet.“ Friede beginne in der eigenen Familie, setze sich über die Gemeinde und die Kommune in die Welt fort.

 

Nun hoffen die Akteure, bald die Friedensgebete wieder in der Kirche aufnehmen zu können. Immerhin hätten inzwischen viele Geschäfte wieder geöffnet, die Dinge anbieten, die als notwendig für den Alltag gelten, sagt Winkelmann. Da müssten gemeinsame Gebet und Gottesdienste längst erlaubt sein: „Alles, was mit Seele und dem Frieden zusammenhängt – das ist lebensnotwendig.“

 

HINTERGRUND

Friedensgebet samstags um 12  

 

Mitbeten kann man auf https://mittagsgebet.wir-e.de/die-initiative, dort werden auch die Termine der Initiative bekannt gegeben, sobald es wieder welche gibt. Das ökumenische Team des Friedensgebetes besteht aus rund zehn Personen, die abwechselnd die Impulse für das Gebet vorbereiten. Das Mittagsläuten lädt zum Stillwerden ein. Die Zusammenkunft dauert eine Viertelstunde. Das Angebot gibt es seit Herbst 2015, ins Leben gerufen  „aus Sorge um den Frieden, um Liebe und Menschlichkeit“, wie es die Initiative beschreibt, und „weil wir uns nicht abfinden mit den menschlichen Mechanismen, die zu Flucht, Unterdrückung, Tod und Machtanspruch führen.“

Matthias Winkelmann und
Ulrike Naumann
(Foto: Bettina Sangerhausen)

 

 

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